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Der oberste Falschmünzer der Wahrheit und sein Migrationsmanifest

„Falschmünzer der Wahrheit“ und „Affen der Gottheit“ nannte unser größter, auf historischem und philosophischem Gebiet versiertester Dichter Friedrich Schiller die Päpste und ihren Hofstaat.

Diese Charakterisierung der kirchlichen Hierarchen fiel mir wieder ein, als ich die Vatican News las, wonach die „Vereinten Nationen Prinzipien des Vatikans aufgreifen“, und zwar im Hinblick auf die Migrationsproblematik. Berichtet wird unter dieser Überschrift, dass Erzbischof Bernardito Auza, der ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, im Auftrag des Papstes aktiv an den Verhandlungen der UN über den „Global Compact on Migration“ beteiligt sei und dabei darauf poche, dass es die Kirche sei, die es „ermögliche, wirklich zu verstehen, wie Migranten geholfen werden kann. Mit all ihrer Erfahrung in Sachen Menschlichkeit“ rechtfertigt die Kirche ihr ständiges Engagement für das Thema Migration. Daher bestehe auch der Papst darauf, die von der Vatikanischen Sektion „Migration und Flüchtlinge für den Dienst an der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung“ erarbeiteten zwanzig Punkte in den Global Compact der UN für eine sichere, geordnete und regulierte Migration aufzunehmen.

Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: Obwohl der Heilige Stuhl nur einen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen, also nichts zu befehlen hat, kriechen deren Vertreter in der UNO gehorsamst vor dem Papst und nehmen natürlich Punkt für Punkt seine zwanzig Postulate in den Endtext des Migrationspaktes auf.

Aber natürlich gibt es Gründe dafür, der Kirche rechtzugeben, unter anderem wegen „all ihrer Erfahrung in Sachen Menschlichkeit“, wie wir den Vertreter des Papstes bei den Vereinten Nationen sagen hörten. Also das ist wahr, Erfahrung in Sachen Menschlichkeit kann man der Kirche wirklich nicht absprechen, besonders beim tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Bischöfe. Und auch bei ihren Inquisitionsprozessen gegen Hunderttausende von Frauen haben die Kirche und ihre amtlichen Vertreter außerordentlich viel Erfahrungsmaterial gesammelt, so dass sie immer intensiver mit unfassbarer Grausamkeit diese Prozesse perfektionieren konnten.

Hier nur eine kleine Auswahl der speziell-spezifischen Folterinstrumente, die die bis heute patriarchisch-maskulin strukturierte Kirche gegen die Frauen anwandte, wobei sie natürlich sicherlich gewaltige Erfahrungen über die Eigenart der weiblichen Psyche gesammelt haben dürfte. Kein Zweifel, man war dabei tatsächlich außerordentlich erfinderisch. Man erfand z.B. die „vaginale Birne“, die, durch Drehung der Schraube ausgeweitet, Eingeweide und Gebärmutter zerriss. Es gab „Brustkrallen“, die die Brüste zerfleischten, andere Krallen, die, rotglühend gemacht, lediglich einen Biss auf den Brüsten unverheirateter Mütter verursachten, während ihre Kinder zu Füßen der Mutter lagen und mit deren Blut bespritzt wurden. Es gab die sogenannten „spanischen Spinnen“, d.h. vierfingrige, scherenartige Klauen, die das Opfer am Gesäß, an den Brüsten, am Bauch oder Kopf, oft aber auch mit zwei Klauen an Augen und Ohren hochzogen. Auch der „Keuschheitsgürtel“ war entgegen seiner nachträglichen Mystifizierung in Wirklichkeit ein Folterwerkzeug. Natürlich gab es auch „Schandmasken“ für die Frauen sowie gegen ihre angebliche Geschwätzigkeit gerichtete „orale Birnen“, also kunstvoll gefertigte Eisenknebel, deren zugespitztes Ende das Aufschlitzen der Kehle bewerkstelligte. Aber notfalls reichten auch Steine, um das „gottgefällige“ Werk der Zerstörung von Frauen zu vollbringen. Frauen, die Ehebruch begangen hatten, wurden gesteinigt oder in eine Schlangengrube geworfen. Im Vergleich zu den weiblichen Genitalien wurden die Geschlechtsteile der Männer seltener gefoltert. Nur bei Homosexualität und Masturbation, nicht einmal aber bei Vergewaltigung, wurden ihre Penisse und Hoden gefoltert oder abgezwickt.

Noch nie gab es eine Religion in der gesamten Religionsgeschichte der Menschheit, die so viel Nächstenliebe gepredigt und so viel Nächstenhass und Frauenhass praktiziert hat. Nur in dieser einen, allerdings negativen Hinsicht steht das Papsttum, aber überhaupt das kirchliche Christentum tatsächlich einzigartig unter den Religionen da. Eine Einzigartigkeit im Positiven aber - in punkto Menschlichkeit und Schutz der Menschenrechte – besitzt es nicht. Jedes Menschenrecht musste vielmehr gegen den erbitterten Widerstand der Päpste durchgesetzt werden.

All die großen und vielen Erfahrungen, die Papst und Kirche in ihrem Umgang mit Frauen und Männern vermeintlich gesammelt haben, haben bis heute nicht dazu geführt, Frauen in der Kirche die gleiche Anerkennung wie den Männern zu geben und sie als Beweis dieser Anerkennung zum Weihepriestertum zuzulassen. Schöne Sprüche hat der päpstliche Falschmünzer der Wahrheit ständig für sie parat, aber er lügt ihnen etwas vor, denn fürs Priestertum sind sie ja seiner Meinung nach nicht geeignet. Da bleibt er unnachgiebig.

Ebenso feiert der Großmeister der feierlichen Sprüche und Gesten das werdende Leben im Mutterleib, die unantastbare Würde des zur Welt kommenden Menschenkindes und hetzt auf dieser Grundlage gegen abtreibende Frauen. Dabei verschweigt dieser Lügner, dass nach kirchlich-dogmatischer Lehre das werdende Kind im Mutterleib und auch das gerade zur Welt gekommene Baby ein Kind des Teufels ist, weil es, mit der Erbsünde behaftet, nur durch die Taufe von ihr und der Herrschaft des Teufels befreit werden kann.

Und jetzt also kommt der Generalissimus der Nächstenliebe und spielt sich als größter Liebespartner aller Ausländer, Flüchtlinge, Asylanten und Migranten auf und nimmt zwecks heiliger Begründung einer uneingeschränkten Willkommenskultur noch die Lüge in Kauf, Jesus Christus habe „sich allzeit mit den Fremden identifiziert“.

Hier erweist sich Papst Franziskus als besonders eklatanter Falschmünzer, der sich sogar gegen das Neue Testament wendet. Denn der ursprüngliche Jesus der ältesten Schichten der Evangelien hat die Heiden als Hunde bezeichnet und verboten, „den Kindern Israels das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuzuwerfen“, d.h. den Heiden (siehe Markus-Evangelium 7,24-30; Matthäus-Evangelium 15, 21-28). Seine Jünger sendet er mit dem strikten Verbot der Heidenmission aus: „Gehet nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt. 10, 5 f.). Ebenso exklusiv betont Jesus: „Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes-Evangelium 4, 22). Es gibt für ihn kein anderes Gesetz als das jüdische, als das der Thora: „Leichter ist es, dass Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur ein Tüpfelchen vom Gesetz wegfiele“ (Lukas-Evangelium 16, 17).

Zweifellos war Jesus ein religiöser Nationalist, den die Kirche verleugnet und den sie nach der erneuten Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden in die damalige griechisch-römische Welt durch einen Jesus Christus ersetzte, der vermeintlich die zweite göttliche Person der dreifaltigen Gottheit sei. Der ursprüngliche Jesus wollte keine Kirche, kein Christentum, keine neue Religion, sondern nur die tiefreligiöse und moralische Wiederherstellung Israels. Insofern steht am Ursprung des Christentums und der Kirche eine Lüge, ein Betrug der Gläubigen!

Darum steht auch die gesamte christologische Begründung der Willkommenskultur durch den Papst auf ganz schwachen Füßen. Im Grunde ist das die Rechtfertigung einer unbegrenzten Willkommenskultur durch eine päpstliche Lüge. Und diese Lügerei geht weiter. Denn ununterbrochen mahnt der Papst alle Menschen und Staaten, ständig ihre Türen und Tore, ihre Häuser und Gebäude für die Fremden kritiklos zu öffnen, während der Papst selbst keinen einzigen Flüchtling in den heiligen Bezirk innerhalb der Mauern des Vatikans hereinlässt. Wie sagte es doch kürzlich Donald Trump anlässlich der erneuten Kritik am Bau seiner Mauer an der Grenze zu Mexiko, an welcher Kritik ja auch die Kirche beteiligt war: „Wer meine Mauer kritisiert, muss vor allem den Vatikan kritisieren, denn der hat die dickste Mauer von allen.“

Der päpstliche Herr der großen Gesten und Worte weiß sicher, dass seine katholische Kirche in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten etwa 500 Kirchen aufgegeben hat. Aber keine einzige dieser Kirchen wurde Flüchtlingen als Wohnraum geschenkt. Stattdessen werden diese heiligen Räumlichkeiten an alle möglichen kapitalkräftigen Personen und Körperschaften verkauft, wobei nur noch die Frage debattiert wird, ob die Kirchen auch in Vergnügungsstätten umgewandelt werden dürfen. Der Papst als absoluter Herrscher in seiner Kirche könnte da ein Machtwort zugunsten der Flüchtlinge sprechen. Aber das bleibt aus, genauso wie die „Kirche der Armen“, die Franziskus gleich zu Beginn seines Pontifikats mit allen negativen Konsequenzen für die Reichtümer der Kirche großspurig-programmatisch angekündigt und nie realisiert hat.

Mit Schiller fing dieser Aufsatz an, mit ihm möchte ich ihn ausklingen lassen. Sein scharfes Urteil findet seine Bestätigung auch durch den vorliegenden Artikel.
Er konstatiert nämlich: „Das Papsttum ist das künstlichste aller Gebäude, das nur durch fortgesetztes Verleugnen der Wahrheit aufrechtzuerhalten ist.“

Anmerkung:

Näheres zur Person, Ideologie und Strategie von Papst Franziskus findet sich in meinem Buch: Papst Franziskus – Die kritische Biographie,
Tectum Verlag bzw. Nomos Verlag 2015,
ISBN: 978-3-8288-3583-2.

Zur Geschichte Jesu und der Kirche siehe mein Buch:
Jesus und die Frauen,
3. Auflage nach der 1. Auflage im Eichborn Verlag jetzt im Verlag Die Blaue Eule 2008,
ISBN: 978-3-89206-935-5

Zum Gesamtkomplex Kirche siehe mein Buch:
Herren und Knechte der Kirche
(1. Auflage trotz legitimen Buchvertrages mit dem Autor vom Bertelsmann Verlag zurückgenommen und mit 15 Gerichtsprozessen auf Betreiben von ihm und Kirchenvertretern überzogen).
Das Buch erschien dann im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2. Auflage im Historia Verlag, 3. Auflage 2014 im Ahriman Verlag, Freiburg,
ISBN: 978-3-89484-607-7

Zu Schiller: Markus Mynarek Spiritualität – Religion – Kirche bei Friedrich Schiller,
Essen 2012, Verlag Die Blaue Eule,
ISBN: 978-3-89924-333-8


  • Erscheinungsdatum: 11. Januar 2019