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Der Unfehlbare und sein Vasall

Hans Küng hat einen demütig-flehenden Appell an Papst Franziskus gerichtet: „Lieber Papst Franziskus, lassen Sie uns über die Unfehlbarkeit diskutieren!“ Das ist sensationell, atemberaubend, das haut jeden modernen oder postmodernen Menschen vom Stuhl! Da schlägt sich ein bekannter Theologe seit fast fünf Jahrzehnten in zahlreichen Publikationen mit dem Dogma der Unfehlbarkeit herum und kommt nach diesem langen Zeitraum zu dem, wie gesagt, atemberaubenden Schluss, dass er darüber mit dem Papst nur diskutieren wolle. Er lehnt dieses Dogma nicht ab, er möchte nur darüber palavern.
Dabei weiß selbst ein Minderbemittelter, dass kein Mensch, kein einziger (!) in den letzten, allerwichtigsten weltanschaulichen Fragen unfehlbar sein kann. Mit dieser Gewissheit müsste eigentlich jedes weitere Diskutieren über die Unfehlbarkeit des Papstes beziehungsweise der Konzilien definitiv beendet sein. Aber weit gefehlt! Führende Theologen der katholischen Kirche wie Rahner, Ratzinger, Lehmann u.a. haben in diesen fünf Jahrzehnten das Thema immer wieder neu aufgegriffen und – natürlich zu keinem Abschluss gebracht.
Und Küng selbst! Er eröffnete 1970 die Unfehlbarkeitsdebatte mit dem Buch „Unfehlbar?“, aber dieser brave, in der Öffentlichkeit als mutig angesehene Theologe versah, wie man sieht, den Haupttitel des Buches artig mit einem Fragezeichen, um der Amtskirche von vornherein zu signalisieren, dass er die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes offenlässt, sich nicht absolut festlegen möchte, das letzte Urteil dem Chef im Vatikan überlässt. Und auch sein zweites Buch zu diesem Thema unter dem Titel „Fehlbar?“ ist deutlich mit einem Fragezeichen ausgestattet. Um alle Zweifel auszuräumen, er meine es mit diesen Fragezeichen nicht ernst, lautet schon der Untertitel des ersten der beiden Bücher noch zusätzlich: „Eine Anfrage“. Wirklich, das ist fast zu viel der Höflichkeit von Seiten Küngs, wenn man bedenkt, worum es hier geht, nämlich um die schon im Ansatz absurde Frage, ob der Papst und / oder die Kirche unfehlbar seien.
Nun könnte man ja achselzuckend sagen: „Na ja, das sind halt Theologen, die immer der Zeit hinterherhüpfen. Da geht’s doch nur um ein rein innerkatholisches Streitgespräch, um ein Gezänk in einem abgeschlossenen Denkghetto, um die Spitzfindigkeiten einer Sekte von Fachidioten, die außerhalb der Realitäten und Bedingungen menschlichen Denkens wirklichkeitsfremde Debatten führen. Selbst die Theologen, die innerhalb dieses Ghettos ganz links stehen, sind noch rechter als der rechteste Anhänger eines nichtkirchlichen, autoritären Systems, das aber für sich keine Unfehlbarkeit von oben, aus Gottes gnädiger Offenbarung beansprucht.“
Das soeben Gesagte klingt vielleicht scharf und intolerant. Aber man vergegenwärtige sich die folgende Tatsache: Die an den Debatten um Küngs Bücher zur Unfehlbarkeit beteiligten katholischen Theologen stritten nicht etwas über die Möglichkeitsfrage, also über das Problem, ob innerhalb der wahrheitssuchenden Gesamtmenschheit eine unfehlbare Institution oder Gemeinschaft überhaupt möglich sei. Schon das wäre spätestens seit Kant ein Anachronismus, aber er wäre noch verständlich. Doch für all diese Theologen stand die Möglichkeitsfrage ganz außerhalb der Debatte, auch für Küng selbst.
Debattiert wurde lediglich darüber, wie die Unfehlbarkeit der Kirche sowie des kirchlichen Lehramts und des Papstes zu definieren sei, unter welchen Bedingungen diese Unfehlbarkeit in Kraft trete und als zum Glauben verpflichtend zu gelten habe. An irgendeiner Art Unfehlbarkeit, Indefektibilität usw. der Kirche hält Küng und halten alle seine Mitstreiter und theologischen Gegner auch heute unbedingt und problemlos fest. Selbst Rahner soll im kleineren Kreis ironisch gesagt haben, Jesus hätte von dieser ganzen Unfehlbarkeitsdebatte nichts verstanden. Aber offiziell hat auch er an der Diskussion teilgenommen und sogar seinen Gegner Küng beschuldigt, nicht mehr katholisch, sondern höchstens noch evangelisch zu sein. Alle diese Theologen sind also von allen wirklich denkenden Menschen durch eine Kluft getrennt, die nicht überbrückt werden kann, weil sie in eine eventuelle Diskussion mit diesem Teil der Menschheit, der ohne sakrale Vorgaben aus vergangenen Menschheitsepochen zu denken versucht, mit einer Voraussetzung eintreten würden, die vernunftmäßig nicht zu begründen und nur durch einen merkwürdigen Glauben zu rechtfertigen ist.
Selbst mit ihren und trotz ihrer fortschrittlichsten Theologen, die gerade in Bezug auf die wichtigste erkenntnistheoretische Frage dieser Institution, die Unfehlbarkeitsfrage, mittelalterliche Schmalspurscholastiker geblieben sind, kann die katholische Kirche also nur noch historische Bedeutung, fast möchte man sagen: Bedeutung für die Altertumsforschung beanspruchen.
Aber nochmals weit gefehlt. Viele Zeitungen bringen – wohlgemerkt im März des Jahres 2016! – den neuerlichen flehentlichen Appell des 88-jährigen Küng an den Papst, der möge doch mit ihm wieder über die Unfehlbarkeit diskutieren, ehe er das Zeitliche segne. Er wisse ja, so Küng unterwürfig in seinem Schreiben an den Papst, z.B. von der Süddeutschen Zeitung dankbar veröffentlicht, dass „die Unfehlbarkeitsfrage sich in der katholischen Kirche nicht über Nacht lösen lässt. Doch Sie sind ja nun erfreulicherweise fast zehn Jahre jünger als ich und werden mich hoffentlich überleben. Und Sie werden es sicher verstehen, dass ich als Theologe am Ende meiner Tage, getragen von tiefer Sympathie für Sie und Ihr pastorales Wirken, meine Bitte für eine freie ernsthafte Unfehlbarkeitsdiskussion noch rechtzeitig vortragen wollte, nicht zur Zerstörung, sondern zur Auferbauung der Kirche. Für mich persönlich wäre das die Erfüllung einer nie aufgegebenen Hoffnung.“
Dieser „tapfere“ Reformtheologe Küng ist in seinem ganzen Leben nur gekrochen. Als zum Beispiel am ersten November 1950 Papst Pius XII., assistiert von zahllosen Würdenträgern aus Kirche und Politik, vor einer riesigen Menschenmenge das Dogma: „Die unbefleckte Gottesmutter und immerwährende Jungfrau Maria ist nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“, verkündete, stand der gute Hans auf dem Petersplatz dabei und nahm dieses Dogma begeistert auf. Noch mehr, er kritisierte die deutschen Theologiestudenten aus Bonn, die damals im Refektorium des päpstlichen Collegium Germanicum zu Gast waren, weil sie Probleme mit diesem Dogma hatten. War doch wenige Wochen zuvor ein langer Artikel des Theologen Professor Berthold Altaner erschienen, der mit vielen Belegen aufzeigte, „dass dieses Dogma noch nicht einmal eine historische Grundlage in den ersten Jahrhunderten der Kirche hat“. Es gehe zurück auf eine Legende in einer „von Wundern übervollen apokryphen Schrift aus dem fünften Jahrhundert“. Aber er, Küng, meinte damals, die deutschen Theologiestudenten seien durch ihre rationalistischen Universitätsprofessoren von der wahren Erkenntnis und Anerkenntnis des Dogmas abgehalten worden. Denn sehr wohl könne man, so Küng damals, auch der Heiligen Schrift entnehmen, dass „Maria voll der Gnade“ war, dass der Herr immer mit ihr gewesen sei, so dass zwar nicht explizit, aber implizit das Dogma in solchen Aussagen des Neuen Testaments enthalten sei.
„Voll der Gnade“ war tatsächlich diese junge Frau Maria, die selber nicht wusste, was da mit ihr geschah, als sie zur unbefleckten Gottesmutter, immerwährenden Jungfrau Maria und zur leiblichen Aufnahme in den Himmel auserkoren wurde, wo sie doch wusste, dass sie ein uneheliches Kind in ihrem Schoß trug, so dass selbst ihr Verlobter, der treue Josef, zu zweifeln begann, weil er doch mit ihr intim noch gar nicht zusammengekommen war. Aber die Kirche hat das ja ganz schnell bereinigt, indem sie den Heiligen Geist als den Haupttäter ins Spiel brachte. Fromme Katholiken lesen doch nicht mal die Evangelien, sonst könnten sie diesen Sachverhalt sogar der Kindheitsgeschichte Jesu entnehmen.
Aber man kann jetzt auch Hans Küng besser verstehen. Dem hat man selbst dieses Mariendogma so eingebläut, dass er bis heute von der kirchlichen Tradition nicht ganz loskommt. Nein, Küng, der treue Sohn der Kirche, der in ihr, wie er wiederholt betont, bleibend seine Heimat hat, lehnt das Dogma der Unfehlbarkeit trotzdem nicht ab. Er bleibt konstant bei seiner „Anfrage“, fragt nur höflich bei der Amtskirche nach: „In der Tat“, so Küng, „die katholische Kirche und ihre Leitung sollten es nicht als Angriff von außen, sondern als Hilfe von innen erkennen, wenn in dieser Sache angefragt und nachgefragt wird.“ Selbst an den damals regierenden autoritären Papst Johannes Paul II. wandte sich Küng mit der demütigen Bitte um Hilfe in dieser Frage: „Hofft man zu viel, wenn man von Ihnen … einen entscheidenden Schritt zur ehrlichen Klärung der bedrängenden Unfehlbarkeitsfrage erwartet?“
Dabei weiß doch Küng in Wirklichkeit durchaus Bescheid, er weiß durchaus, verdrängt es aber offenbar, mit welch rüden Methoden, brutalen Schikanen, raffinierten Pressionen, Wahlmanipulationen, Fälschungen, Fehlinterpretationen, Denunziationen und Täuschungsmanövern das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit durchgesetzt wurde. Und jener, der es tyrannisch durchboxte und sich als erster Papst als unfehlbar proklamierte, Pius IX. (1846 – 1878), hatte Visionen (zum Beispiel die „Vision der Jungfrau Maria …, die ihn der Unfehlbarkeitslehre vergewisserte“) und war nur zum Teil zurechnungsfähig. Die Urteile anerkannter Psychologen und Psychiater stimmen darin überein, Papst Pius IX. eine „abnorme Persönlichkeit“ und „abnorme Züge“ bis hin zur Schizophrenie zu attestieren.
Und Papst Franziskus: Was sagt der als von Küng im März 2016 Angesprochene, wo doch Küng ihn so herzlich um eine Antwort bittet und dabei das ganze Repertoire dessen, was er in der Unfehlbarkeitsdiskussion schon geleistet habe, hervorholt? „Es ist mein 88. Lebensjahr, und ich darf sagen: Ich habe keine Mühe gescheut, um für Band 5 meiner Sämtlichen Werke die zahlreichen einschlägigen Texte zu sammeln, sie nach den verschiedenen Phasen der Auseinandersetzung chronologisch und sachlich zu ordnen und durch den biografischen Kontext zu erhellen. Mit diesem Buch in der Hand möchte ich jetzt einen Appell an den Papst wiederholen, den ich während der jahrzehntelangen theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzung mehrfach vergebens erhoben habe. Inständig bitte ich Papst Franziskus, der mir stets brüderlich geantwortet hat.“
Der Papst wird ihm was pfeifen. Der habe ihm zwar, so Küng, stets brüderlich geantwortet, behauptet er, was eine Übertreibung ist, weil der Papst immer nur kurz dankend den Empfang seiner Briefe quittiert hat. Aber Schlitzohr Franziskus wird natürlich das Dogma der Unfehlbarkeit nicht aufheben, er wird das nicht mal in Betracht ziehen. Ihm macht es nichts aus, das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes unangetastet zu lassen und trotzdem salopp und leichtfertig allerlei Fehlbares in der „Leichtigkeit des Seins“ öffentlich und publikumswirksam zum Besten zu geben, um den Schein seiner großen Liberalität zu verbreiten. Sprüche wie „Gott ist nicht katholisch“ (obwohl dann ja auch der höchste Hierarch der Kirche, der Papst, nicht unfehlbar und nicht sein eigentlicher Vertreter auf Erden sein kann), oder die Aussage auf seiner bisher letzten Reise auf die griechische Insel Lesbos vor Flüchtlingen: „Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums.“ Eine glatte Lüge des Kirchenoberhaupts, denn die Logik des Evangeliums ist der genaue Gegensatz, über 70 Mal droht es die ewige Höllenstrafe an. (Es gibt Theologen, die mit allen möglichen Tüfteleien auf nur etwa 30 Drohungen mit der ewigen Hölle im Neuen Testament kommen, aber das reicht ja auch schon).
„Nein, dieser Papst wird trotz der flehentlichen Bitten des sich ständig in Reformanträgen versuchenden Küng am Unfehlbarkeitsdogma nicht rütteln. Wie sagte es doch ein prominenter, pfiffiger Theologe wie Professor Wolfgang Beinert, ein Musterschüler Ratzingers, anlässlich des neuesten Papstschreibens Amoris laetitia („Die Freude der Liebe“): „Er (gemeint ist der Papst) ändert nichts und macht doch alles anders.“ Das kann man nur so kommentieren: „Ein kasuistisches Diktum, auf das wohl nur ein katholischer Dogmatikprofessor kommen kann, für den sich noch selbst im dicksten Phrasennebel ein ‚wirkliches Reformschreiben‘ abzeichnet“ (der Journalist I. Bossenz in „nd“).

Zum Ganzen ausführlich: H. Mynarek, „Papst-Entzauberung“, Norderstedt 2007; derselbe, „Papst Franziskus. Die kritische Biografie“, Marburg 2015, Tectum-Wissenschaftsverlag; derselbe, „Warum auch Hans Küng die Kirche nicht retten kann?“, 2013 im selben Verlag; derselbe, „Jesus und die Frauen“, Essen 2005, Verlag Die Blaue Eule.


  • Erscheinungsdatum: 07. Dezember 2017