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Neue Religiosität und Spiritualität

Wie wir gleich sehen werden, braucht sich kein wahrhaft Freireligiöser an dem Wörtchen »neu« im Titel zu stoßen, weil alle wesentlichen Elemente, Intentionen, Ideen und Ideale einer neuen Spiritualität bereits in unserer Freien Religion enthalten sind.
Ihr überwältigendes erstes Merkmal ist die elementare Religiosität, die, in der Natur des Menschen offenbar ganz fest und wurzelhaft angelegt, immer wieder neu aufbricht. Sie ermöglicht dem Menschen, den Kontakt zu den transzendenten, metaphysischen Schichten der Wirklichkeit stets von neuem aufzunehmen, ihn im Grunde nie ganz abreißen zu lassen. Dieser Kontakt ist die Quellkraft, aus der Viele leben, die sie auch im ethischen Bereich stark motiviert. Die Religiosität der großen Mehrheit der Menschen beinhaltet zwar etwas Grenzüberschreitendes, insofern Transzendentes, Höheres, Göttliches. Aber sie lehnen es strikt ab, dieses Göttliche mit dem dogmatisch genau definierten monotheistischen Gottesbegriff, mit dem maskulinen (männlichen) und patriarchalischen Gott der evangelischen oder römisch-katholischen Amtskirche gleichzusetzen. Darin ist durchaus etwas Positives zu sehen. Denn wenn es etwas Göttlich-Absolutes gibt, dann überschreitet es mit Sicherheit unsere Vorstellungen von ihm sowie alle theologischen Begriffe und amtskirchlichen Dekretierungen zur Gottesfrage. Selbst der von der katholischen Kirche als größter Lehrer der Christenheit gefeierte Thomas von Aquin (1225-1274) betonte noch: »Von Gott können wir nur wissen, was er nicht ist, nicht. was er ist.«
Ein weiteres Merkmal der neuen Religiosität: sie ist und will keine kirchliche mehr sein. Amtskirchen, institutionalisierte Massenkirchen, die das religiöse Erleben und Erfahren reglementieren und kanalisieren, die unfehlbar verordnen, worin Religion und Moral zu bestehen haben, die als Zentrum der Religiosität den personalen Gottesglauben dogmatisch festsetzen, haben bei der Mehrheit der Befragten, die heute echt religiös sein wollen. ausgedient. Der auffällige Glaubwürdigkeitsschwund der beiden großen Kirchen in der Bundesrepublik selbst bei den eigenen Gläubigen unterstreicht diese Tatsache noch einmal, ebenso wie der Zulauf von Jugendlichen zu neuen religiösen Bewegungen und Gruppen. Gerade der Instinkt der Jugendlichen hat das arrogant Unfehlbare, das stur Dogmatische, starr Orthodoxe, Veraltete, Verkrustete, Repressive, Einengende der Altkirchen besonders klar gewittert, obwohl auch Angehörige der älteren Generation in dieser Hinsicht bisweilen eine recht deutliche, drastische Sprache sprechen.
Ein drittes Merkmal ist das Umgreifende der neuen Religiosität. Sie will alles umfassen, alle Innen- und Außenräume der Wirklichkeit, die Tiefenschichten der Psyche wie die äußersten Ränder des Weltraums. Sie duldet keine willkürlichen Grenzen der Konfession, Tradition, Rasse, der isolierten Gruppe, der gesellschaftlichen Schicht, der wie immer gearteten Vorurteile. Sie will alles umgreifen und alles durchdringen. Dieser Drang der neuen Religiosität zur Allumfassung, zum Grenzenlosen und Unendlichen schlägt sich dann in bestimmten Konkretisationen, aber auch Übertreibungen und Überschwänglichkeiten nieder, in galaktischer Religiosität und Parapsychologie, in verschiedenerlei Okkultismen und lrrationalismen bis hin zur Ufologie und Götter-Astronauten-Theorie, die von Kritikern oft kurz als »Dänikitis« bezeichnet wird.
Tatsache aber bleibt: Die neue Religiosität will in Entsprechung zu einer anthropologischen Grundbefindlichkeit und Grundausrichtung die Ausweitung, Ausdehnung; Verlängerung der menschlichen Perspektiven, die Erweiterung der raumzeitlichen Existenz in bisher nur geahnte Dimensionen. Das will und tut zwar im großen und ganzen auch die Wissenschaft, etwa als Astronomie, Atomphysik oder Tiefenpsychologie. Doch ist bei der neuen Religiosität der zugrunde liegende Vitalimpuls ganzheitlicher, nicht bloß verstandesmäßig-rational wie bei den wissenschaftlichen Bemühungen.
Jedenfalls erwächst den Kirchen auf der Grundlage dieser Komponente der raumzeitlichen Expansion und Überschreitungstendenz der neuen Religiosität ein Gegner auf ihrem bis dahin kaum angefochtenen ureigensten Feld. Dinge, die bis dahin ohne die Annahme eines persönlichen Gottes nicht »zu gehen« schienen, wie Fortleben nach dem Tode, Substantialität des Geistes, seine Überlegenheit über die Materie usw. werden nun auch ohne diese Annahme, z.B. im Rahmen einer evolutionären Religion bzw. parapsychologischer Auffassungen für möglich gehalten. Die Verwalter  der (herkömmlichen) Religion fühlen sich plötzlich in ihrer eigenen Domäne beengt und bedrängt.
Das grenzüberschreitende, umgreifende Element der neuen Religiosität zeigt sich bei Jüngeren vielleicht am deutlichsten. Sie bestätigen damit das, was von »der« Jugend - vor allem in entwicklungspsychologischer Hinsicht - ohnehin gesagt wird: - Sie möchte in sicherlich oft ungerechtfertigtem Überschwang alle vorgegebenen Grenzen der eigenen Individualität, der Charaktereigenart, unter der sie manchmal so schwer trägt, des Kollektivs, in das sie hineingeboren ist, überwinden. Sie leidet und wird depressiv, wenn sie an Grenzen stößt, die sie nicht zu überschreiten vermag. Sie greift zum Alkohol, nimmt Drogen, um sich die Befreiung von beengenden Zwängen vorzutäuschen. Gerade der Drogengenuss zeigt auf negative Weise besonders krass die hier eben charakterisierten Eigenschaft der neuen Spiritualität: Jugendliche brechen durch Einnahme von Drogen aus einer Umwelt und Gegenwart aus, die sie als Begrenzung und Behinderung empfinden. Sie nehmen Drogen, weil diese ihnen das Gefühl einer Bewusstseinsentgrenzung und eines umfassenden Einsseins mit allem, was da west und lebt, vermitteln.
Die mystische Komponente des umfassenden Charakters der neuen Spiritualität ist unübersehbar. Man hat ja nicht zu Unrecht Mystik als »das Ankommen eines Umfassenden im Versunkenheitsbewusstsein oder das ekstatische Erleben eines Umfassenden« charakterisiert. Von 82 Versuchspersonen der Harvard Universität beispielsweise hat mehr als die Hälfte nach LSD-Genuss Gefühlserlebnisse gehabt, die nach W. T. Stace für die Mystik charakteristisch, sind: ein starkes Einheitsbewusstsein, das verschiedene Ebenen des Verlaufs (auch rückläufige) in einer umfassenden, beseligenden Gefühlsaufwallung integriert; den Verlust des Zeitbewusstseins; eine reichere und vollere Wahrnehmung der Dinge; ein höchstes Lustempfinden, eine paradiesische Ekstase und Freude; den Eindruck, in dem Zentrum zu stehen, in dem alle Dinge »eins« sind, und ihr tiefes Einssein zu erfassen; den Eindruck der Unaussprechlichkeit.
Damit ist schon ein weiteres Kennzeichen der neuen Religiosität angesprochen: sie will das Supramentale, das Überbewusstsein des Menschen viel stärker akzentuieren und intensivieren. Dieses Überbewusstsein ist nicht etwa mit dem Über-Ich der Psychoanalyse, also der vom Kind verinnerlichten Normenwelt der Erwachsenen und der Gesellschaft gleichzusetzen. Es handelt sich dabei vielmehr um überkonzentrierte, überwache Zustände des Bewusstseins wie Hellwachsein, Entzückung (Exzitation), Entrückung (Exaltation), Außersichsein (Ekstase, Nirwana), eine höhere Qualität inneren Friedens, innerer Ruhe, um Gipfelerfahrungen auf dem Höhepunkt großer existentieller Erlebnisse oder Leistungen. Führende Religionswissenschaftler und Psychologen wie Th. Achelis, M. Buber, F. Heiler, W. Gruehn, R. Otto, A. Maslow, St. Grofs, Ken Wilber haben sich mit zum Teil umfangreichen Abhandlungen in die Diskussion zum Verhältnis zwischen Mystik und Überbewusstsein eingeschaltet. Methodisch gerät man auf die Stufe des Überbewusstseins, indem man – etwa in der Meditation – die Konzentration der Aufmerksamkeit auf einige wenige Hauptinhalte des Bewusstseins willentlich-willkürlich hinlenkt und bei ihnen – durch nichts abbringbar – verbleibt. Allmählich erfüllt nur noch ein Gedanke, eine Vorstellung das ganze Bewusstsein. Diese Vorstellung aber erfährt eine qualitative Veränderung. Sie eröffnet dem inneren Blick Tiefendimensionen und neue Bedeutungsebenen ihres vorher so alltäglichen Verständnisses, sie scheint im Lichte des Überbewusstseins immer reicher, tiefer, bedeutsamer, einzigartiger, kraftvoller und gewisser zu werden. Sie strahlt Ruhe, Stärke, Sicherheit, Freude aus. Sie macht den Menschen schöpferisch, kreativ.
Hiermit stehen wir vor einer weiteren wichtigen Eigenschaft der neuen Spiritualität: ihrer Kreativität. Treffend hat man oft genug darauf hingewiesen, dass alle großen geistigen Leistungen der Menschheit in Philosophie, Kunst, Sittlichkeit und Religion ihren Quellpunkt im Überbewusstsein, in jenen hellwachen und exzitierten Stufen haben, von denen soeben die Rede war. Das Unter- und Unbewusste ist dadurch keineswegs ausgeschaltet, denn eine Inkubationszeit, eine Verarbeitung, ein Ausgetragen-, gleichsam Ausgebrütetwerden jeder neuen großen Idee im Unbewussten bleibt stets notwendige Voraussetzung. Inkubation im Unbewussten und Illumination (Erleuchtung) im Überbewusstsein schließen sich nicht aus, sondern ein.
Überbewusstsein und Kreativität der neuen Spiritualität beinhalten zugleich eine neue Reflexivität und Sensibilität. Höchste Reflexion, intensivste Wachheit des Verstandes (Rationalität) und intimste Sensibilität schließen sich nur für eine vordergründige Betrachtungsweise gegenseitig aus. Dass aber das fast mystische, gefühlsmäßige Einswerden mit dem erforschten Gegenstand höchste Erkenntnis der Vernunft möglich machen kann, hat unüberbietbar Goethe zum Ausdruck gebracht: „Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstande innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des Vermögens aber gehört einer hochgebildeten Zeit an.“
Der vielleicht genialste Kopf der modernen theoretischen Physik, Albert Einstein, ist ganz ähnlich überzeugt: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind. ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, dass das Unerforschliche wirklich existiert und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können - dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität ... Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur … Diese tiefe gefühlsmäßıge Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung“. Ausdrücklich möchte Einstein seine Gottesvorstellung als pantheistisch-spinozistische verstanden wissen. „Es ist gewiss, dass eine mit religiösem Gefühl verwandte Überzeugung von der Vernunft bzw. Begreiflichkeit der Welt aller feineren wissenschaftlichen Arbeit zugrunde liegt. Jene mit tiefem Gefühl verbundene Überzeugung von einer überlegenen Vernunft, die sich in der erfahrbaren Welt offenbart, bildet meinen Gottesbegriff; man kann ihn also in der üblichen Ausdrucksweise als ›pantheistisch‹ (Spinoza) bezeichnen.“
Wir haben es hier mit einer schöpferischen Synthese zwischen Rationalität und mystischem Elan, zwischen möglichst intensiver Reflexion und sensibelster Religiosität zu tun; eine Synthese, die evtl. auch eine Umpolung, ja fast begriffssprengende Umidentifizierung herbeiführen kann, indem man von einer mystischen Rationalität und einer rationalen Mystik zu sprechen berechtigt sein wird. Nüchternste, kalte Reflexion also, die aber im Den-Dingen-auf-den-Grund-Gehen nicht nachlässt, weil sie von der glühendheißen Lava der mystischen Energie vorangetrieben wird, wie umgekehrt enthusiastischste, heißeste Mystik, deren blinder Überschwang durch die kalte Ratio immer wieder abgekühlt und den wissenschaftlichen, kulturellen, sozialen, ökologischen Zielen zugeführt und nutzbar gemacht wird – das wäre die zu beachtende Leitlinie der Selbsterziehung der neuen Spiritualität.
Alle vergangenen Epochen der Religionsgeschichte zeigen ja, dass ohne die Ratio die Religion schwärmerisch, sentimental, schwülstig und blind-fanatisch wird; dass aber auch andererseits ohne Religion die Ratio zu trocken-abstraktem, kein Leben mehr weckendem Rationalismus, zu hölzernen oder knöchernen Begriffsgerippen in Theologie, Philosophie oder Wissenschaftstheorie verkommt.
Auf die heutige Weltlage angewandt, hieße das, dass auch die globalsten und präzisesten psychologischen, anthropologischen, soziologischen, politologischen und ökologischen Analysen der gegenwärtigen Menschheitskrise keine tiefgreifende Besserung herbeiführen können, wenn kein neues Lebensgefühl, kein neuer élan vital, kein neuer Enthusiasmus, wie er bei der Entstehung aller epochalen Bewegungen Pate gestanden hat. aufbricht und sich mit der gesellschaftsanalysierenden Ratio verbündet. Auch für die neuzeitliche Aufklärung gilt ja: Ohne Aufklärung war die Religion blind und dumm; ohne Religion war die Aufklärung flach- und schwachbrüstig.
Eine neue Spiritualität und Religiosität, muss sich also zweifellos ständig rational überprüfen lassen. Aber Religion, die sich rational auflösen ließe, wäre nicht mehr Religion. sondern höchstens Religionskritik, -theorie, -philosophie o.ä. Sie wäre vor allem nicht mehr die ganzheitliche Urenergie und -kraft des Menschen, die auch noch die Vernunft des Menschen zum Forschen und Erforschen in bisher unbekannte Dimensionen der Wirklichkeit voranzutreiben vermag. Das Geheimnis, das Mysterium lässt sich also nicht ganz aus dem. Bereich des Religiösen verbannen. Gerade weil echte Religiosität sich nach dem Ganzen der Wirklichkeit ausstreckt, bleibt sie dem Mysterium verhaftet. Denn das All, das Ganze der Wirklichkeit, das Sein in seiner Totalität und Universalität - sie sind nie rational ganz auflösbar, sie entziehen sich immer wieder dem Zugriff der Wissenschaft, die zwar stets weiter in Neuland vorstößt, aber zugleich erkennt, dass der be- und erkannte Ausschnitt der Wirklichkeit wesentlich kleiner ist als das noch zu Erforschende.
Erwähnen wir noch ein weiteres gemeinsames Merkmal der neuen Religiosität, ihre Dynamik, ihren Veränderungsimpuls. Echte Religion hat in der Tat immer etwas Revolutionäres: im guten, ursprünglichen Sinne dieses Wortes, d. h. etwas Umwalzendes, Umwandelndes an sich. Viele, die sich im Sinne der neuen Religiosität aussprechen, erleben diese als Befreiung und Ermächtigung zu ethischer Aktion, als Motivation, Anspruch und Aufforderung, sich mit der bestehenden Misere der Welt, mit ihrem schlechten Zustand nicht abzufinden.
Damit zeigt sich zum wiederholten Male, dass neue und freie Religiosität von den Verfechtern der alten keineswegs als defizitäre Religion abgetan werden kann. Denn es fehlt ihr keines der Merkmale, keine der Funktionen, die von der vergleichenden Religionswissenschaft als notwendige Kriterien einer echten Religion herausgestellt und gefordert werden.
Vergleicht man die hier kurz skizzierte Religiosität mit dem, was man im landläufigen und traditionellen Sinn unter Religion versteht, dann darf man berechtigterweise geradezu von einer epochalen Metamorphose der Religion, von qualitativ transformierter Religiosität sprechen. Von ihr kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass sie keine Illusion ist, weil in ihr das Funktional-Dynamische, nicht das Inhaltlich-Gegenständliche ausschlaggebend ist. Die neue Religiosität versucht zwar in ständigen dynamischen, grenzüberschreitenden und sinnsuchenden Akten das Ganze der Wirklichkeit (also auch eine Art Gegenstand) in den Blick zu bekommen, zu umfassen, am universalen Ganzen teilzuhaben und von ihm ergriffen zu sein. Sie muss in diesem Prozess dementsprechend ebenfalls Modelle, Leitbilder und -ideen, Hypothesen, Wünsche, möglicherweise also auch Illusionen konstruieren, aber sie bleibt an ihnen und überhaupt an keinem Provisorium, an keinem Stadium ihres Prozesses mit dogmatischer Starrheit und Sturheit kleben. Sie ist auf dogmatisch-inhaltlich-gegenständliche Fixierungen wie Gott, Götter, Vorsehung, Belohnung, Vergeltung, Himmel, Hölle etc. nicht essentiell angewiesen. Gerade diese gegenständlichen Fixierungen aber boten immer die breiteste und dankbarste Angriffsfläche für den Illusions- und Projektionsvorwurf der Feuerbachs, Marx‘, Freuds usw. Demgegenüber wirkt sich bei der neuen Religiosität positiv aus, dass sie in keinem Gegensatz mehr zur Rationalität steht. Bleibt sie doch im Prozess ihrer dynamischen Entwicklung stets bereit, alles inhaltlich von ihr für wahr und echt Gehaltene zu verifizieren, zu überprüfen. mit dem Stand unserer Wirklichkeitserkenntnis ständig zu vergleichen und gegebenenfalls ohne jeden fixierenden Unfehlbarkeitsdünkel über Bord zu werfen. In dieser Hinsicht gleicht sie übrigens dem Prozess wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts.
Kein Zweifel kann jedenfalls daran bestehen, dass eine kosmische oder auch eine ökologische Religiosität, die die Selbstverwirklichung des Menschen in einer ständig auf gerechtere Verhältnisse hin zu reformierenden Umwelt aufgrund der grenzüberschreitenden Dynamik des menschlichen Seins herbeizuführen sucht, dem Illusionsvorwurf weit eher Paroli bieten kann als die Religionskonzeption des personalen Gottes- oder Götterglaubens. Gerade neue Religiosität sollte so starkes Gewicht auf Rationalität und Ethik legen, dass sie die einzigartige Chance hätte zu zeigen, dass und wie Religion, die selbstlos wäre, die ein (partikulare) Interessen überwindendes (universales) Über-Interesse hätte, die bereit wäre, machtsuchtlos und grenzenlos kommunikativ alles für alle zu tun, einen entscheidenden positiven ökologisch-politisch-gesellschaftlichen Veränderungseffekt haben könnte. Das wäre dann die Religion, die keiner mehr als Opium bekämpfen könnte, als Beruhigungspille oder verschleierndes Trostrezept angesichts trister Verhältnisse. Die Frage, ob Religion eine Illusion im metaphysischen Sinn, in Bezug auf ihre inhaltlichen Gegenstände und Überzeugungen sei, wäre dann zweitrangig angesichts des Umstands, dass sie im Hinblick auf die Selbstlosigkeit ihrer Hingabe an alles und aufgrund des redlichen Totaleinsatzes gegen alle Herrschaft von -Menschen über Menschen in Kirche, Staat .und Gesellschaft einen eigenständigen, originären Primärimpuls darstellte, der nicht mehr als »ideologischer Überbau«, als »himmlische Spiegelung« und Verklärung bestehender Unrechtsverhältnisse diskreditiert werden könnte.
Die in den hier umrissenen Konturen sichtbar werdende neue Religiosität und Spiritualität, die den Erfordernissen unserer Zeit am weitgehendsten zu entsprechen scheint, ist in Wirklichkeit das, was Freigeister aller Zeiten stets als das wahre Ideal ihrer Spiritualität betrachteten und betrachten werden.

Ergänzende und weiterführende Literatur von Prof. Mynarek zu dieser Thematik

1.) Religiös ohne Gott? NIBE Verlag, Alsdorf 2018.
2.) Mystik und Vernunft, 3. Auflage, NIBE Verlag, Alsdorf 2018.
3.) Die Vernunft des Universums. Lebensgesetze von Kosmos und Psyche, 2. Auflage im Verlag Die Blaue Eule, Essen 2003.
4.) Die Neuen Atheisten. Ihre Thesen auf dem Prüfstand, Verlag Die Blaue Eule, Essen 2010.
5.) Wertrangordnung und Humanität, Verlag Die Blaue Eule, Essen 2014.
6.) Vom wahren Geist der Humanität. Der Naturalismus ist kein Humanismus. NIBE Verlag, Alsdorf 2017.

  • Erscheinungsdatum: 09. Juli 2018